Wirklichkeit
März 1, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Wirklichkeit

23.7.2011

Die vergoldeten Dachspitzen der alten Kirche spiegeln sich im geöffneten Fenster wieder. Der leichte Wind spielt ein wenig mit der Gardine und unten auf der Straße pflastern Arbeiter den Gehsteig. Das rhythmische Klopfen der Hämmer, die auf die Pflastersteine schlagen, wechselt sich mit dem Scharren der Schaufeln ab. Manchmal erklingen beide Geräusche gleichzeitig, durchdringen sich, und ab und zu gibt ein vorbeifahrendes Auto einen Teil der Melodie dazu. Die Arbeiter rufen sich wenige Worte zu und manchmal ist ein kurzes Lachen die Antwort.

Die Stadt ist ruhig.

Es ist Sonntag und die Schulferien haben die Menschen an das Meer oder in die Berge in den Urlaub reisen lassen. Es sind weniger Touristen dieses Jahr in der Stadt und diese zieht es in die andere Richtung zu der alten Brücke und auf die Burg, die einen grandiosen Ausblick über die Stadt bereithält.

Der Aufstieg über kleine versteckte Gässchen etwas abseits vom Strom der Menschen, über Treppen und keine Nebensträßchen, ist etwas mühsam, doch belohnt letztlich, auf dem Platz angekommen, mit einer offenen Weite und mit seiner ruhigen leuchtenden Energie, die schon auf der letzten Stufe freundlich zu warten scheint.

Der Blick über die Stadt vereint den Himmel mit dem Fluss, der sich hinter Bäumen und Gebäuden versteckt, und die Erde gibt mit den Hügeln Richtung Süden ihren Teil hinzu. Gelassen trägt die Landschaft die aneinandergereihten Häuser rechts und links des Flusses und die Sonne wirft warme sanfte Farben in das Tal hinunter.

Am Horizont vereinigt sich das ganze Panorama zu einem verschwommenen Strich, um schließlich hinter der Erdkrümmung dem Blick zu entschwinden.

Das So-Sein ist mühelose Wahrnehmung, in sich ruhendes Gewahrsein, in dem die Häuser, die Menschen, der Platz, der Himmel und der Fluss auftauchen. Lichte Formen von erstaunlicher filigraner Zartheit, die in ihrer innewohnenden Zerbrechlichkeit eine geradezu überraschende Beständigkeit vermitteln möchten.

Doch diese Beständigkeit vermittelt nicht die Form selber, sondern die lichte Formlosigkeit, die durch die Formen hindurch scheint, ja aus denen sie zu bestehen scheinen.

Im späten Licht der Nachmittagssonne offenbaren die Formen ihre Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit der Erscheinungen strahlt in direkter Unvermitteltheit auf.

Die Schönheit der Sicht ist überwältigend. Das Wahrnehmende und das Wahrgenommene verschmolzen zur Wahrnehmung Dessen.

In der Bezeichnungslosigkeit der Formen erscheint Dies, das jenseits der Bezeichnung den Formen Lebendigkeit und Erscheinungsmöglichkeit zu verleihen scheint.

Die Stille explodiert in Bewegung in sich selbst ruhend und das Schattenbild in seiner Buntheit gefriert wie ein Foto, auf dem sich die Welt abzeichnet.

Foto für Foto findet seinen Ausdruck, taucht aus dem Nichts hervor wie die bunten Feuerblumen eines Feuerwerks am Nachthimmel. Sie verbleiben scheinbar einen Moment und werfen farbige Schatten, die ganze Landschaften erschaffen, in den leeren Raum.

Bild für Bild erscheint in Zeitlosigkeit und die Aufmerksamkeit des Bewusstseins selbst wird magisch angezogen, wandert verzaubert von Erscheinung zu Erscheinung wie mit dem Blick eines Kindes. Mit Verzücktheit dem Feuerspiel der Leere folgend, betört von dem bunten Spiel der Energie, ist die Bewusstheit wie gebannt.

All dies ist kein Geschehen, sondern IST-heit, denn da ist kein Ort oder Zeit existent, wo etwas geschehen könnte.

Die Erscheinung ist das Erschienene, das in Diesem erscheint, aus dem es IST.

Das Bild als Erscheinung ist die Wirkung selbst und gründet somit die Ursache für das Erscheinen der Welt.

Das ist nur ein scheinbares Paradox, da unsere menschliche Wahrnehmung an den gefrorenen Bildern festhängt und also gefriert die Wahrnehmung ebenfalls ein, sie passt sich an alles Mögliche an, da Alles schon immer IST.

Die gefrorene Wahrnehmung ist somit die Welt an sich.

Die faszinierte Gebanntheit, der starre Blick, die gefangene Wahrnehmung ist die Geschichte der Gefangenschaft, in die das So-Sein als fühlende Wesen, als Mensch, zu fallen scheinen kann.

Doch so überwältigend die Fixierung auch erscheinen mag, eine winzige Verschiebung, ein minimalistischer Impuls, eine winzige energetische Bewegung, und das fixierte und so fest geglaubte Bild der Welt löst sich in Nichts auf.

Der Schein anderer Bilder von anderen Feuerwerken, die unbekannte oder auch unerkennbare Landschaften zaubern, genauso real oder unreal wie das, was allgemein als die vertraute Welt wahrgenommen wird, kann aus dem Nichts auftauchen.

Doch vielleicht fällt der Blick auch nur auf Nichts, das einzige wahre Nicht-Bild, der Urgrund aller Welten, die Quelle in dem Alles erscheint, auch die Wahrnehmung, die sich selbst erblickt.

Es bedarf enormer Anstrengung die Quelle nicht wahrzunehmen. Es ist eine energieverschlingende Angelegenheit glauben zu müssen, die Quelle nicht zu sein und sich separat zu fühlen wie ein Mensch.

Es ist so anspruchsvoll, dass alle fühlenden Wesen dies nur begrenzt aushalten und immer wieder in Nichts zerfallen müssen, um schließlich in einem erneuten Bild wieder zu erscheinen.

Die scheinbare Kontinuität des menschlichen Lebens ist das Selbst oder auch Ego, das fühlt und denkt separat zu sein.

Das Denken ist der Leim, mit dem der Verstand die Lücken zwischen den Bildern dieses Lebens zukleistert. Eine enorme Arbeit des Verstandes.

Das normale menschliche Leben ist somit nicht mehr als ein Daumenkino, bewegt von dem Wind der Stille, bis die letzte Seite aufgeblättert ist, der persönliche Film verlischt und in der Leere versinkt, die das Potenzial für alle Filme ist.

Das Gefühl und der Gedanke ein Leben zu haben kann allerdings auch vor der letzten Seite enden. Dann sinkt alles ein in Wahrnehmung Dessen, in dem Dies alles als Form zu erscheinen scheint.

Dann wird gesehen das Dies einfach liebende Lebendigkeit IST und auch als Form der menschlichen Existenz erscheinen kann.

Die Quelle schaut nun unvermittelt durch die Form auf Sich in bunten Bildern ohne das Geschwätz des Verstandes und freut sich mit den Augen eines staunenden Kindes an dem prächtigen Feuerwerk der Formen.

Im Bewusstsein der reinen Qualität des Spiegels beginnt die Reise der Wahrnehmung der Reflektion, ohne je davon berührt zu werden.

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Nicht-Sein
Januar 24, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Nicht-Sein

26.6.2011

Sofort morgens nach dem Aufwachen, wenn alles zum Leben erwacht und noch bevor die Welt auftaucht, ist er wieder da, der Druck im Kopf.
Die Stille ist davon nicht berührt.
Zu sagen, dass das alles in Stille stattfindet, kommt dem zwar am nächsten, doch es beschreibt es nur, ohne es wirklich zu erfassen.
Komplette Sätze formen sich im Kopf und drängen nach außen.
Allerdings ist es schwer außen und innen zu unterscheiden. Schreiben mindert den Druck und etwas Ruhe kehrt ein.
Der Himmel über der Stadt ist bedeckt und im Grau der Wolken sind feine Nuancen zu erkennen.
Schmale dünne Regenstreifen huschen durch das Bild, das der Rahmen des Fensters bildet, und die schöne alte Kirche bewirkt eine würdige Kulisse.
Stolz und gleichzeitig bescheiden steht sie da, als ob die Jahrhunderte ihr Gemäuer weise gemacht haben. Vielleicht weiser als die Menschen und die Priester, die kamen und gingen.
Der leichte Sommerregen wäscht die Kopfsteinstraßen sauber und übergibt sie gereinigt den Menschen, die heute Abend von ihren Wochenendhäusern zurückkehren, für eine neue Arbeitswoche.
Das Grün des Daches, das den Wachturm mit der großen Uhr schmückt, ist streifig und fleckig. Tauben fliegen in kleinen Formationen und die goldenen Zeiger der Turmuhr rücken etwas weiter.
Der Wind hat das Grau der Wolken ein wenig aufgerissen und küsst die flatternde Landesflagge, die gegenüber am Eingang des Hotels aufgezogen wurde.
Ohne diese Flagge könnte diese Stadt überall stehen, so scheint es. Es gäbe keine Zuordnung oder benennbare Identität. Es wäre nur eine Stadt, irgendwo.
Die Farben der Flagge verleihen den Menschen eines Landes die Sicherheit, jemand zu sein, hierher zu gehören, eine Identität zu besitzen und Rechte zu haben. Ohne die Farben der Flagge scheint es nicht mehr so klar und etwas müsste an ihre Stelle treten, um die Ungewissheit des Nichtseins, der Nichtidentität aufzufangen.
Was würde passieren, wenn von den allen Menschen gesehen werden würde, dass Nicht-Sein ihre Natur ist?
Die Natur der Ist-heit, dies So-Sein, so wie sie erscheint und vergeht seit Ewigkeit, ist sie so beängstigend?
Es gibt keine Erinnerung daran. Es gibt keine Angst und in dem leuchtenden Zentrum ist nur Schweigen.
Die Zeiger der Turmuhr rücken voran und zeigen, dass es Zeit ist aufzubrechen.
Ein Friedhof soll besucht werden, der am Rande der Stadt wartet.