Nicht-Wissen
Januar 26, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Nicht-Wissen

28.6.2011

Es ist beim Sehen nicht so, dass die Dinge, die gerade nicht geschaut werden, auf denen der Blick gerade nicht ruht, nicht existieren würden.

Es ist so, dass es da ein Nicht-Wissen über oder von der Existenz gibt, eben wenn der Blick nicht darauf fällt. Dieses Nicht-Wissen ist aber keine Unwissenheit, sondern ist genau das Gegenteil. Es umschließt alles Wissen, weil es das Wissen Ist, das solange der Blick nicht darauf ruht, als Nicht-Wissen erscheint.

Die Totalität dessen, was gerade geschaut wird, erscheint so intensiv als Sehen in der Stille, dass dieser Blick nichts anderes zulässt, als eben das Zuschauende.

Das schließt die Inanspruchnahme durch die Totalität des Wissens des vorher Nicht-Gewussten mit ein und lässt keinen Platz für etwas außer Dieses. Für etwas, das außerhalb des momentanen Blickes existieren mag, ist in dieser Intensität kein Platz.

Gleichzeitig ist dies kein Tunnelblick, der die nicht geschauten Dinge ausblendet, oder er ist auch nicht der Blick eines Betrunkenen, der durch Betäubung des Wahrnehmungsapparates nicht in der Lage, ist die Datenmenge zu verkraften, die durch die Augen einströmen.

Das Sehen in der Stille, die hier als Schau beschrieben werden kann, ist frisch, unbetäubt und umfasst alles, was geschaut wird.

Im Schauen liegt aus sich heraus keine Wertung des Geschauten und damit auch kein Greifen nach dem Geschauten.

Der Baum wird als Baum geschaut, ohne dass eine Bezeichnung als Baum in der Wahrnehmung erscheint.

So ist das Nicht-Wissen über den Baum als Baum nur frische Wahrnehmung und in dieser nicht-wissenden Wahrnehmung, die total und absolut im Moment erscheint als der Moment, der erscheint, ist das totale Wissen enthüllt.

Nur es enthüllt sich niemandem, sondern es enthüllt sich einfach völlig mühelos und entspannt.

Es ist keine Notwendigkeit (nebenbei bemerkt: besteht auch keine Möglichkeit) in der Sicht für eine Interpretation-Reduktion (als Methode), um den Blick rein halten zu müssen, um dann Sehen zu können. So als ob man üben würde nur Zeuge zu sein, um sich aller Urteile zu enthalten, um dann das, was als das Wesentliche (geglaubt im Sinne von Essentiell) angeschaut wird, als Sehen zu bezeichnen.

Das ist eine Übung des Verstandes und hat nichts mit dem Sehen in der Stille zu tun.

Die Schau als Sehen in der Stille ist wie ein Blick, der alles umschließt und weder etwas reduziert, noch etwas hinzufügt.

Die Dinge sind somit Dies als Stille, während die Stille sieht durch die Schau. Es ist eine totale Schau, die aus sich heraus geschieht und dort auch wieder endet, um sich mit gleicher Intensität beim nächsten Blick wieder aus Stille zu erheben, völlig mühelos.

Das Gefühl, das die Schau scheinbar begleitet, ist so, als ob die Dinge gerade erst in dem Moment, in dem der Blick darauf fällt, entstehen. Deswegen werden sie auch immer wieder als völlig neu empfunden.

Das Nicht-Wissen der Existenz der Dinge, die gerade Nicht-Geschaut werden, wird völlig überlagert von dem All-Wissen der Existenz der Dinge, die jetzt gerade aus der Stille geschaut werden.

Diese Totalität möge man Sehen nennen, um den Unterschied zu dem üblichen Anschauen der Dinge herauszustellen.

Das Nicht-Wissen der Dinge, die gerade Nicht-Geschaut werden, hat nichts damit zu tun, dass gewusst wird, dass die Dinge, die gerade nicht angeschaut werden, an ihrem Platz stehen. Das ist abgespeichertes Wissen, ein eingescannter Datensatz, gespeichert auf der biologisch organischen Festplatte, oder einfach nur eine Annahme.

Hier findet sich das gewöhnliche Anschauen, das mechanisch alte Anschaudaten aus dem Kopfspeicher zu einem Bild zusammenfügt, die dann die Schau des Sehens in der Stille zu überlagern scheinen.

Das Sehen in der Stille ist immer da und wird vom mechanischen Anschauen überdeckt.

Warum das so ist, konnte nicht gesehen werden, aber dass es so ist, kann ganz klar gesehen werden.

Deswegen kann man das Sehen in der Stille nicht lernen, es gibt nichts zu lernen, was natürlicherweise immer vorhanden ist.

Die Mechanik der Anschauung kann kaputt gehen. Dann ist Sehen spontan befreit und geschieht natürlich aus sich heraus.

Die Vermutung ist, dass der Kopfspeicher nach wie vor funktioniert. Doch keine „alten“ Daten zu irgendeinem Objekt, das gerade in der Stille geschaut wird, gelangen in die Sicht. Das Sehen und das, was gesehen wird, bleibt immer neu und unberührt.

So wird gesehen, dass die Welt, wie sie erscheint in der Stille und wie sie aus der Sicht gesehen wird, perfekt ist und nichts fehlt.

Es kann nichts fehlen, es ist unmöglich, dass etwas fehlt.

Sehen offenbart, dass wenn Anschauen geschieht, mental etwas hinzugefügt wird. Da das Hinzugefügte aber nicht existiert, wird es dann als Mangel wahrgenommen, eben weil es nicht existiert, und da es keine Existenz besitzt, es nur hinzu gedacht wurde, scheint es nun die Dinge zu beflecken durch seine Abwesenheit.

Ein Vogel zwitschert im Park vor der Wohnung und die Töne schweben durch das geöffnete Fenster. Der Himmel ist blau und ohne Wolken.

Die Windstille macht die Stille scheinbar noch tiefer. Das Geräusch eines vorüberfahrenden Autos steigt hervor und sinkt darin zurück.

Völlig mühelos.

Wie wunderbar.

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Sehen
Januar 25, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Sehen

27.6.2011 Nacht

Beim Abendessen in dem Restaurant auf dem Berg, der sich entlang des Flusses zieht, inmitten der vielen Menschen, die lärmend und lachend den Abend genossen, breitete sich unversehens Sehen in der Stille aus.

Das Hirn bewegungslos.

Druck scheint Wahrnehmung aus den Augen fließen zu lassen.

Im Inneren nur Leere, die sich außen mit einem Blick selbst vereint, bis nur noch Sehen übrig bleibt.

Der Körper schmilzt und Sehen ist was Ist.

Die Schau dessen, was sich immer wieder offenbart, ist immer neu und unberührt. Der Blick schweift ohne Focus über die sitzenden Menschen und alles erscheint in der Sicht, ohne dass Mühe für das, was zu sehen ist, möglich wäre.

Alles, was sich außerhalb der momentanen Sicht befindet, ist nicht bekannt, es wird nicht gewusst, erst wenn der Blick darauf fällt, entsteht die Sicht dessen, was gesehen wird. So kann Sehen in der Stille nur immer neu und unberührt sein.

Der Blick schweift über die Dächer der Stadt, streift die Baumwipfel, in denen schon die kleinen Kastanienfrüchte in der Abendsonne lachen und fällt wieder auf den kleinen Pavillon, der auf dem Platz neben dem Restaurant steht.

Wieder ist die Schau des Pavillons neu und dieser Blick hat ihn nie berührt.

Der Blick schweift zurück und der Pavillon wird nicht gewusst, da er nicht zu etwas Bekanntem während des Sehens wurde.

So ist es mit allen Dingen, so ist die Sicht, die aus der Stille emporsteigt und darin zurück sinkt.

Das Nicht-Benennen des Nicht-Bekannten, des Dies, das dabei und dadurch eben nicht zu Etwas, zu etwas Gewusstem und zu etwas Bekanntem gemacht wurde, erfolgt gleichzeitig, oder besser gesagt, nur durch die Schau selbst. Es erfolgte kein Tun um die Nicht-Benennung zu erreichen, noch wurde Tun unterlassen, um es eben nicht zu tun.

Näher vermögen diese Worte wohl nicht heranzukommen.

Auf dem Weg nach Hause über die Brücke fielen die letzten Sonnenstrahlen auf das hohe Dach eines großen Gebäudes. Es war blutrot gestrichen und der blaue wolkenlose Himmel bildete einen wunderschönen Raum.

Aus der bedingungslosen Schau, die von sich aus nichts benennt, wird die Schönheit vollständig wahrgenommen. Und im gleichen Augenblick, da von sich aus nichts benannt wurde, vollständig Nicht-Gewusst, und in Stille löste es sich auf.

Bis der Blick wieder an dieser Stelle ruht, sich als der Moment der Schau gebiert und wieder stirbt.

Oh, wie wunderbar, wie mühelos, wie liebkosend die Schau in der Sicht der Stille ist. Immer neu und immer frisch kostet Sehen keine Kraft und erfreut das Auge.

Sich erinnern ist mechanisch. Es hat etwas mit Gedächtnis und Funktion des Gehirns zu tun. Nicht-Wissen umschließt Wissen des Nicht-Gewussten, eben bis zu dem Moment, in dem es aus der Stille als Gewusstes erscheint. Es schöpft sich selber aus der Quelle allen Wissens und offenbart all das was es zu wissen gilt.

Aus der Sicht ist die Vollständigkeit Dessen die einzige Realität, die möglich ist.

Es fehlt nichts, da nichts ist, was hinzugefügt werden könnte.

Dann im Park kurz vor der Wohnung eine kurze Rast. Da saß dieser kleine Vogel, sehr jung noch, etwas unbeholfen auf der Hecke neben der Bank. Er wackelt unsicher mit seinen kleinen Flügelchen, als ob er ihnen misstraute seinen Körper in die Luft zu erheben.

Es gibt keinen anderen Weg als die Flügel auszubreiten und es zu probieren.

Der Vogel öffnete den Schnabel, es sah aus, als ob er tief Luft holen wollte, schlug die Flügel auseinander, machte einen Satz und flog davon.

Mit letzter Kraft streifte die Sonne die großen glänzenden Blätter der Platane und verschwand hinter dem Hügel.