Der Versuch einer Bilanz
Februar 28, 2012

Der Versuch einer Bilanz

28.02.2012

Die Jagd nach  Erkenntnis, die Suche nach Erleuchtung hatte viele Jahre eine geradezu rücksichtslose Getriebenheit angenommen. Da waren die neunziger Jahre in Mexiko auf der Jagd nach Castaneda, Hexen, Brujos und Schamanen. Eine rastlose Suche durch Süd-,Mittel- und Nordmexiko in die entlegensten Winkel und auf einsame Hochplateaus. Weil es nicht anders ging nahm ich meinen kleinen Sohn mit.

Erstaunlich was Kinder ertragen können. Er machte wirklich alles klaglos mit und saß geduldig neben mir, wenn wir tausend Meter über der Wüstenebene auf dem Gipfel eines Berges scheinbar ewig dem Wind lauschten. Er klagte nicht, wenn ich das Trinkwasser vergaß und wir nur sehr knapp mit dem Leben davon kamen. Er blieb still, wenn wir durch den Urwald wanderten, ins Nirgendwo, wo es gar nichts mehr gab, außer Schlangen, Moskitos und Skorpione. Er jammerte auch nicht über die brutale Hitze, wenn wir ziellos durch öde Halbwüsten streiften. Auf einer Kaimauer einer kleinen Stadt am pazifischen Ozean fiel er mit elf Jahren das erste Mal in Stille, das erzählte er mir heute, anderthalb Jahrzehnte später. Ich kann nicht ausschließen, dass es die Erschöpfung war. Tatsache jedoch ist, dass dort in diesem kleinen Menschen Finden stattfand und ich habe es nicht wahrnehmen können.

Spirituelle Suche kann ein ziemlicher Egotrip sein, ein gigantischer Kopftrip ist es allemal.

Irgendwann war Schluss. Mein Sohn weigerte sich entschieden in Ixtlan aus dem Bus zu steigen und so flogen wir zurück nach Europa. Ich kann nicht davon  berichten in Mexiko einem erleuchteten Lehrer begegnet zu sein, der einen spirituellen Pfad der Befreiung unterrichtet hätte. Wenn ich einem begegnet sein sollte, so ist heute klar, dass ein Erkennen meinerseits sowieso nicht möglich gewesen wäre. Der Kopf war zu voll mit Konzepten, Wünschen und Hoffnungen.

Und doch kehrte eine Art von Ruhe ein. Eine Ruhe, die man vielleicht als eine Stille vor dem Sturm bezeichnen könnte.

Die Suche ging weiter. Es ist sicher heutzutage einfacher jede Art von Meister oder Lehrer in Europa zu finden, einfacher als im Hochland von Mexiko oder in den Schluchten des Himalayas auch nur einen Menschen zu finden, dessen Sprache man versteht.

Vom Theravada-Buddhismus über den tibetischen Vajrayana, über Bön hin zu den unermesslich kostbaren Dzogchenlehren, von hinduistischen Religionsströmungen aller Couleur bis zur kontemplativen Traditionen innerhalb des Christentums, die Tafel in Europa ist für den spirituell Suchenden reich gedeckt.

Meine Suche erstickte schier am Überfluss, kam scheinbar zum Erliegen, um doch nur noch heftiger wieder aufzuerstehen.  Es kann nicht gesagt werden, dass während der ganzen Zeit tatsächlich irgendetwas verstanden wurde. Es wurde auch nicht verstanden, dass es nicht um das Verstehen geht.

Schließlich wurde in diesem ständigen Versuch des Verstehen-Wollens, der gesamte Körper und Geist Ende 2010 von einer Art Nervenfieber geschüttelt und kollabierte regelrecht. Ich schleppte mich ins Bett und war einverstanden zu sterben. Das zog sich über zwei Wochen hin, doch der Körper starb nicht.

Im Januar 2011 eines Nachts, auf dem Weg von der Toilette, implodierte plötzlich die Welt. In einer Reihenfolge von innen nach außen wurde alles wie in ein bodenloses schwarzes Loch aufgesaugt und verschwand rückstandslos im nirgendwo. Als Letztes wurde von diesem schwarzen Loch die Vision des mit einer Kerze beleuchteten Schlafzimmers  aufgesogen, dann brach alles Bekannte zusammen und die Welt erlosch.

Der Körper erwachte auf dem Boden. Wie lange er dort gelegen hatte, kann man nicht sagen. Vielleicht Stunden oder schon immer? Doch ein durchdringendes Gefühl, dass irgendetwas fehlte, war zu bemerken und überlagerte jede andere Frage. In den folgenden Tagen und Wochen erholte sich der Körper und der sonst immer ruhelose Verstand blieb einfach stumm. Es gab keine Antworten auf die Frage, was da anders war. Ein erstaunliches Merkmal dieser Ruhe im Kopf war, dass es keine Spur von Angst gab. Es war nicht mehr möglich Angst zu haben. Der Körper reagierte ganz natürlich bei Situationen von Gefährdung, aber das geschah völlig selbständig und unspektakulär.

Keine Beschreibung in der Literatur konnte gefunden werden, die das erklärte was da geschah. Die essentiell größtmögliche Näherung konnte ich in dem Buch von Bernadette Roberts finden, allerdings gab es da Schwierigkeiten mit dem Verstehen des christlichen Kontexts.

Monate später schaute ich einem Menschen in die Augen, wie in einen tiefen Spiegel. Die Stille stand als dieser Mensch einfach zur Verfügung, ohne Regung, ohne Absicht. Dort fand plötzlich Erkennen statt und alles Nicht-Gewusste fiel an seinen Platz, einfach so, völlig mühelos.

Es folgte ein ungekanntes Aufblühen von Klarheit und Lichtheit, in einer Schlichtheit des Sehens, die unbeschreibbar ist. Lichtheit ist hier wörtlich zu nehmen. Es konnte ein inneres Leuchten wahrgenommen werden, als wenn eine kleine Sonne verschluckt wurde. In diesem Sturm in Stille reihten sich einfach Worte aneinander und versuchten das Unbeschreibbare zu beschreiben. In Tagebuchnotizen versuchte ich wenigsten einen Schimmer der Sicht festzuhalten. Doch gelungen ist das wohl eher nicht.

Es wurde klar, dass die Person oder das Selbst weg war und nichts an deren Stelle getreten ist. Ich würde es als ein Wegfallen von etwas völlig Überflüssigem bezeichnen. Man kann ganz gut ohne ein persönliches Gefühl einer Existenz leben, sowieso gibt es keine Wahl, denn die Person kam nicht zurück.

Im Herbst dann, wurde die Stille noch tiefer und obwohl das kaum für möglich gehalten wurde, kann auch das Nicht-Selbst verschwinden. Das Gefühl dazu ist als ob der gesamte Bewusstseinsinhalt durch ein winziges Schlüsselloch in eine unerkennbare Dimension gedrückt wird. Dabei gibt es gute Tage, in denen diese Fixierung auf das „Schlüsselloch“ nicht so ausgeprägt ist und es gibt schlechte Tage, da ist außer dem Hinstarren auf diese winzige Öffnung nichts möglich. Körper und Geist ist dann so fixiert, dass dann keine Regung möglich ist, stundenlang. Wo das hinführt ist unbekannt, aber es ist einfach so. Heute ist ein guter Tag.

Manchmal finden Gespräche mit Menschen statt und auf die Fragen kommen einfach Antworten. Die Antworten werden entweder aufgezeichnet oder sie lösen sich einfach auf. Das Gedächtnis funktioniert tadellos, allerdings kann es irgendwie nichts lernen und in einer bekannten Art und Weise speichern. Es findet einfach in spontaner Form ein beantworten statt und nach dem Aussprechen der Antwort ist dann einfach nur antwortlose Stille da, in sich spannungsfrei. Es ist einfach Antwort da, weil eine Frage auftaucht. So ist es auch mit allen Dingen des täglichen Lebens.

Die Reise ist nicht zu Ende, aber alle Erwartungen sind beendet.

Falls noch Antworten kommen, werden sie hier vielleicht wiedergegeben. Wenn nicht, ist es auch gut.

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Friedhof des Lebens
Januar 24, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Friedhof des Lebens

27.6.2011

Das Mechanische, das die Menschen jede Minute steuert, ist erschreckend anzusehen. Als ob dieses stumpfe Leben, scheinbar von außen kommend, fraglos und pausenlos interpretiert, sich endlos wiederholend, ein würdiges Dasein darstellen könnte.
Inmitten aller Herrlichkeit ein Lebensablauf mechanisch funktionierend, wie ein schnurrendes Uhrwerk, das eines Tages überraschen stehen bleibt.

Gestern auf dem kleinen Friedhof, umgeben von ein paar Bäumen, am Rande eines Dorfleins, das heute zu der großen Stadt gehört, gefressen von der Expansion nach außen und nach mehr, da konnte man die Grabsteine mit den Inschriften betrachten.
Die Steine, obwohl unterschiedlich in Form und Farbe, haben eines gemeinsam. Sie stehen in Reih und Glied, diszipliniert, gezähmt bis in den Tod.
Ein geordnetes Leben und ein geordneter Tod.
Die Wasserstelle mit der kleinen Handpumpe, deren grüne Farbe schon lange verblichen ist, wird von zwei riesigen Linden beschützt, die ihre Zweige behütend über den Brunnen ausgebreitet haben. Die Blüten duften in der Sonne und die Blätter reiben sich raschelnd im lauen Wind aneinander.
Diese Bäume, Zeugen von Verzweiflung und Kummer, sahen gewiss viele Trauernde, die ihre Angehörigen dort in der Erde begruben. Um nur wenige Jahre später, in denen die Zwillingslinden am Umfang gerade mal wenige Zentimeter zugenommen hatten, nun ihrerseits beerdigt zu werden.
Blendend weiße Wolken treiben über den Himmel, im Spiel sich selbst auflösend und neue Formen annehmend. Der Himmel spannt sich darüber majestätisch und völlig rein.
In manchen Grabsteinen neueren Datums waren mit Lasertechnologie die Gesichter der Begrabenen in den polierten Granit gebrannt. Manche wirkten in ihrer Mehrdimensionalität so echt, dass man glauben konnte, die Gesichter der Menschen seien auf ewig in dem glänzenden Gestein gefangen.
Vor dem Geburtsjahr war oft ein Stern in den Stein geschnitten und wie eine Sternschnuppe tritt die lebendig scheinende Form in die Atmosphäre dieser Erde ein, glüht auf und verlöscht. So kurz ist ein Leben.
Jedes Grab hatte ein kleines Blechschild mit einer Nummer, das auf den Boden davor gesteckt war.
Ein paar Vögel sitzen auf den unteren Ästen der Linden und zwitschern unbeschwert in die Nachmittagssonne. Ihr Gesang, das Rauschen der Blätter und die Stille verweben sich zu einer unendlich süßen Melodie.

Später dann, auf der Terrasse eines kleinen Restaurants, war es so, dass der Druck im Kopf das Gehirn scheinbar von innen an die Schädeldecke presste und im Zentrum blieb nichts. Mit unbarmherziger Kraft wurde jede Regung zur Ruhe gebracht und das Gefühl der Stille wurde fast schmerzlich präsent.
Während am Tisch das Gespräch über alltägliche Dinge dahinplätscherte, wurde gesehen, dass alles in Stille war. Nicht die Stille war in allem, sondern alles Ist in Stille.
Ein Baum bewegt elegant seine feingeschnittenen Blätter im Nachmittagswind.
Durch die Zwischenräume, die das Blätterwerk ließ, konnte man den blauen Himmel sehen, bis gesehen wurde, dass der Himmel als Baum erschien.
Alles war in Stille gehüllt und nichts außerhalb dessen existierte.
Neben der Terrasse, des kleinen Weges entlang, war ein Parkplatz in einer langen Reihe mit alten dicken Holzbalken ausgelegt.
Dort standen ordentlich aufgereiht die Autos und zeigten ihr Heck mit ihren Nummern in Blech geprägt.