Friedhof des Lebens
Januar 24, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Friedhof des Lebens

27.6.2011

Das Mechanische, das die Menschen jede Minute steuert, ist erschreckend anzusehen. Als ob dieses stumpfe Leben, scheinbar von außen kommend, fraglos und pausenlos interpretiert, sich endlos wiederholend, ein würdiges Dasein darstellen könnte.
Inmitten aller Herrlichkeit ein Lebensablauf mechanisch funktionierend, wie ein schnurrendes Uhrwerk, das eines Tages überraschen stehen bleibt.

Gestern auf dem kleinen Friedhof, umgeben von ein paar Bäumen, am Rande eines Dorfleins, das heute zu der großen Stadt gehört, gefressen von der Expansion nach außen und nach mehr, da konnte man die Grabsteine mit den Inschriften betrachten.
Die Steine, obwohl unterschiedlich in Form und Farbe, haben eines gemeinsam. Sie stehen in Reih und Glied, diszipliniert, gezähmt bis in den Tod.
Ein geordnetes Leben und ein geordneter Tod.
Die Wasserstelle mit der kleinen Handpumpe, deren grüne Farbe schon lange verblichen ist, wird von zwei riesigen Linden beschützt, die ihre Zweige behütend über den Brunnen ausgebreitet haben. Die Blüten duften in der Sonne und die Blätter reiben sich raschelnd im lauen Wind aneinander.
Diese Bäume, Zeugen von Verzweiflung und Kummer, sahen gewiss viele Trauernde, die ihre Angehörigen dort in der Erde begruben. Um nur wenige Jahre später, in denen die Zwillingslinden am Umfang gerade mal wenige Zentimeter zugenommen hatten, nun ihrerseits beerdigt zu werden.
Blendend weiße Wolken treiben über den Himmel, im Spiel sich selbst auflösend und neue Formen annehmend. Der Himmel spannt sich darüber majestätisch und völlig rein.
In manchen Grabsteinen neueren Datums waren mit Lasertechnologie die Gesichter der Begrabenen in den polierten Granit gebrannt. Manche wirkten in ihrer Mehrdimensionalität so echt, dass man glauben konnte, die Gesichter der Menschen seien auf ewig in dem glänzenden Gestein gefangen.
Vor dem Geburtsjahr war oft ein Stern in den Stein geschnitten und wie eine Sternschnuppe tritt die lebendig scheinende Form in die Atmosphäre dieser Erde ein, glüht auf und verlöscht. So kurz ist ein Leben.
Jedes Grab hatte ein kleines Blechschild mit einer Nummer, das auf den Boden davor gesteckt war.
Ein paar Vögel sitzen auf den unteren Ästen der Linden und zwitschern unbeschwert in die Nachmittagssonne. Ihr Gesang, das Rauschen der Blätter und die Stille verweben sich zu einer unendlich süßen Melodie.

Später dann, auf der Terrasse eines kleinen Restaurants, war es so, dass der Druck im Kopf das Gehirn scheinbar von innen an die Schädeldecke presste und im Zentrum blieb nichts. Mit unbarmherziger Kraft wurde jede Regung zur Ruhe gebracht und das Gefühl der Stille wurde fast schmerzlich präsent.
Während am Tisch das Gespräch über alltägliche Dinge dahinplätscherte, wurde gesehen, dass alles in Stille war. Nicht die Stille war in allem, sondern alles Ist in Stille.
Ein Baum bewegt elegant seine feingeschnittenen Blätter im Nachmittagswind.
Durch die Zwischenräume, die das Blätterwerk ließ, konnte man den blauen Himmel sehen, bis gesehen wurde, dass der Himmel als Baum erschien.
Alles war in Stille gehüllt und nichts außerhalb dessen existierte.
Neben der Terrasse, des kleinen Weges entlang, war ein Parkplatz in einer langen Reihe mit alten dicken Holzbalken ausgelegt.
Dort standen ordentlich aufgereiht die Autos und zeigten ihr Heck mit ihren Nummern in Blech geprägt.

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Nicht-Sein
Januar 24, 2012

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Nicht-Sein

26.6.2011

Sofort morgens nach dem Aufwachen, wenn alles zum Leben erwacht und noch bevor die Welt auftaucht, ist er wieder da, der Druck im Kopf.
Die Stille ist davon nicht berührt.
Zu sagen, dass das alles in Stille stattfindet, kommt dem zwar am nächsten, doch es beschreibt es nur, ohne es wirklich zu erfassen.
Komplette Sätze formen sich im Kopf und drängen nach außen.
Allerdings ist es schwer außen und innen zu unterscheiden. Schreiben mindert den Druck und etwas Ruhe kehrt ein.
Der Himmel über der Stadt ist bedeckt und im Grau der Wolken sind feine Nuancen zu erkennen.
Schmale dünne Regenstreifen huschen durch das Bild, das der Rahmen des Fensters bildet, und die schöne alte Kirche bewirkt eine würdige Kulisse.
Stolz und gleichzeitig bescheiden steht sie da, als ob die Jahrhunderte ihr Gemäuer weise gemacht haben. Vielleicht weiser als die Menschen und die Priester, die kamen und gingen.
Der leichte Sommerregen wäscht die Kopfsteinstraßen sauber und übergibt sie gereinigt den Menschen, die heute Abend von ihren Wochenendhäusern zurückkehren, für eine neue Arbeitswoche.
Das Grün des Daches, das den Wachturm mit der großen Uhr schmückt, ist streifig und fleckig. Tauben fliegen in kleinen Formationen und die goldenen Zeiger der Turmuhr rücken etwas weiter.
Der Wind hat das Grau der Wolken ein wenig aufgerissen und küsst die flatternde Landesflagge, die gegenüber am Eingang des Hotels aufgezogen wurde.
Ohne diese Flagge könnte diese Stadt überall stehen, so scheint es. Es gäbe keine Zuordnung oder benennbare Identität. Es wäre nur eine Stadt, irgendwo.
Die Farben der Flagge verleihen den Menschen eines Landes die Sicherheit, jemand zu sein, hierher zu gehören, eine Identität zu besitzen und Rechte zu haben. Ohne die Farben der Flagge scheint es nicht mehr so klar und etwas müsste an ihre Stelle treten, um die Ungewissheit des Nichtseins, der Nichtidentität aufzufangen.
Was würde passieren, wenn von den allen Menschen gesehen werden würde, dass Nicht-Sein ihre Natur ist?
Die Natur der Ist-heit, dies So-Sein, so wie sie erscheint und vergeht seit Ewigkeit, ist sie so beängstigend?
Es gibt keine Erinnerung daran. Es gibt keine Angst und in dem leuchtenden Zentrum ist nur Schweigen.
Die Zeiger der Turmuhr rücken voran und zeigen, dass es Zeit ist aufzubrechen.
Ein Friedhof soll besucht werden, der am Rande der Stadt wartet.