Gespräche zu „Die letzte Nacht“
September 2, 2018

Gespräche zu „Die letzte Nacht

02.09.2018

Einige kürzlich zurückliegende Fragen und Gespräche haben deutlich hervorgehoben dass die Kommunikation  zwischen uns Menschen in einem großen Umfang von Missverständnisse geprägt ist. Dieses „aneinander vorbeireden“  hat sicher eine Vielzahl von Ursachen aber eine davon ist besonders auffällig und durchdringt beinahe jedes Gespräch. Jeder Mensch existiert in seiner „eigenen“ Wahrnehmungssphäre und projiziert seinen spezifischen Ereignishorizont.

Um es nicht unnötig komplex zu machen lassen wir mal außer Betracht das hier die Sicht besteht dass dieser „jeder Mensch“ auch schon Projektion ist.

Die spezifischen Projektionen weisen allerdings eben auch Überlappungen mit anderen spezifischen Projektionen auf und da ist dann die Chance auf eine Verständigung bzw. auf ein gemeinsames Verständnis über ein jeweiliges Thema.

Bedingung ist allerdings dass sich die Kommunizierenden wenigstens auf eine minimale Übereinkunft der Bedeutung der Begrifflichkeiten, die hier verwendet werden, verständigen können. Ansonsten wird dieses Gespräch nur ein Austausch von bedeutungslosen Worthülsen.

Allerdings ist nicht auszuschließen dass das sowieso so ist.

Also für dieses Gespräch hier gilt hier zumindest die Übereinkunft dass derjenige Mensch welcher fragt und derjenige Mensch der hier die Antworten hervorbringt aus der Sicht heraus nicht verschieden ist.

Es ist das Selbe. DIES flüstert sich die Antworten selbst zu.

Kein Fragender, kein Antwortender.

Kein Blinder, kein Sehender.

Kein Unwissender, kein Wissender.

Kein Suchender, kein Finder.

Warum ist das so wichtig? Weil festgestellt wurde dass den Worten hier „geglaubt“ wird.

Das ist das Allerletzte was hier gewollt wird und trotzdem geschieht es. Diese Worte sollen einzig dazu dienen den Impuls der Suche nach Wahrheit zu übertragen, besser allerdings noch dass dort gesehen werden kann das Finden schon immer ist.

Wenn das nicht möglich ist, gilt zumindest die zweite Übereinkunft für dieses Gespräch, versuche mal das Nicht des Glauben-wollens anzuwenden. Stimme nicht zu, lehne nicht ab und ziehe keine Vergleiche.

Versuchen wir es also.

Die Zeilen „Die letzte Nacht“ sind im Juni 2011 spontan auf die Frage eines Freundes niedergeschrieben worden. Die begleitende Erfahrung der Spontanität ist hier immer in gewisser Weise ein Hinweis darauf dass das, was zum Vorschein kommen kann, ein Fingerzeig in Richtung „Wahrheit“ sein könnte. Als persönliche Leistung kann es sowieso nie gesehen werden. Also nun zum Text:

„In der Nacht wenn Du einsam bist“

Diese Zeile leitet jede der 10 Strophen ein. Es beinhaltet somit mehrere Bedeutungen. Nacht steht in dieser Strophe nicht für die Zeit des jeweiligen Tages in der es dunkel ist. Es deutet auf deine Erfahrung des Zustandes der inneren Verdunklung hin. Deine Suche, deine Verzweiflung, dein Scheitern, hat diese Erfahrung der Dunkelheit, der Abgeschnittenheit, der Einsamkeit hervorgehoben. Es wird als ein „innere Zustand“ erlebt. Doch auch das ist nur eine Erfahrung, so wie vorher alles als „real und außen“ gesehen wird erscheint es nun als „real und innen“. An diesem Punkt hilft aber die Erklärung das es „nur“ eine Erfahrung ist überhaupt nicht. Auch wenn es die absolute Wahrheit ist. Die Erfahrung ist oft einfach noch zu überwältigend.

„…wenn Du einsam bis“

„einsam“ steht in dieser Strophe noch für Alleinsein oder Zurückgezogen-sein. Wie ein verwundetes Tier suchst du die Einsamkeit, dass Alleinsein und ziehst dich von den anderen Menschen zurück. Ein Impuls der sehr stark werden kann… Abwendung von der Masse, der Gesellschaft, dem Gewöhnlichen und Hinwendung zu dem Göttlichem, Erhabenen, dem Außergewöhnlichen. Das ist eine Basisbewegung des Egos. Denn wer oder was sucht wohl nach Erlösung  und nach mehr als das was IST?

„Spüre die Zweifel auf Deinen Lippen“

Der Zweifel der hier angesprochen wird ist eine wichtige Komponente der wahrhaftigen Suche. Hier ist nicht der übliche Zweifel gemeint, wo wir heute dies anzweifeln, morgen etwas anderes  und das gestrig Angezweifelte nicht mehr anzweifeln. Es ist einfach mangelnde Klarheit wenn wir ständig irgendwas bewerten und beurteilen. Dieses Verhaltensmuster ist eine gewichtige Komponente warum sich die Erfahrung von Dualität so stabil manifestiert kann.

Dieser „richtige“ Zweifel ist ein Bewusstheitszustand wo es beginnen kann dass die sogenannte Realität hinterfragt wird. Doch es fehlen oft die Worte die Fragen auszudrücken, deine Lippen können die Frage (noch) nicht formulieren. Doch dieses unbestimmte Gefühl gewinnt an Gewicht, die Fähigkeit sich zu äußern und zu hinterfragen wächst.

„Spüre die Angst in Deinen Augen“

Die Angst ist unser gewöhnlichster Begleiter. Forsche mal nach was da wirklich Angst hat und besonders vor was. Klar, wir Menschen haben Angst davor zu leiden. Allerdings haben wir genauso intensiv Angst vor dem Enden des Leidens. Es ist uns doch so vertraut. Eigentlich wollen wir doch dass alles so bleibt, nur eben irgendwie besser. Doch du hast dich auf dem Weg gemacht die Wahrheit zu suchen und nun spürst du dass das Finden kein Stein auf dem Anderen lassen wird.

An diesem Punkt der Erkenntnis kannst du zwar anhalten oder langsamer werden, aber ein Zurück gibt es nicht mehr. Du steckst fest. Jetzt bleibt dir nur übrig die Angst als Werkzeug zu nutzen, ihr Wesen zu erforschen und ihre Wirkung zu beobachten. Freiheit will also verdient werden…mhm… Das ist doch deine Überzeugung, oder? Dann diene der Freiheit eben bis sich deine Überzeugungen auflösen dürfen. Schließlich wird sich die Erfahrung der Furchtlosigkeit manifestieren. Diese Erfahrung ist nicht das Gegenteil von Furcht.

„Spüre den Zorn in Deinem Herzen“

An diesem Punkt deiner Reise fühlst du dich vom Leben völlig verarscht. Die Erfahrungen die sich mit der Methode des Zweifelns und der Erforschung der Furcht manifestieren konnten, stellen dein gesamtes Weltbild und Überzeugungen auf den Kopf. Klar bist du wütend. Irgendwas würde nicht mit dir stimmen  wenn diese Erfahrung nicht hochkommt. Wenn der Zorn der hochkommt dann abklingt erscheint die Erfahrung von Desillusionierung und Ratlosigkeit. Das ist ein gutes Zeichen. Besonders Ratlosigkeit ist Gold wert. Wenn die Erfahrung von Ratlosigkeit ganz tief akzeptiert werden kann und nicht angerührt werden muss ist der Raum für Sicht entstanden.

Das ist dann der erste ernsthafte Schlag gegen deine gewöhnliche konditionierte Annahme über die Natur der erscheinende Realität. Diesem folgen weitere, doch dieser Schlag drischt eine erste wichtige Schneise in das Dickicht der Verblendung. Alles was du davor geglaubt hast für die Freiheit unternommen zu haben war, aus rückblickender Perspektive, nur Firlefanz. Allerdings notwendig. Scheinbar.

„In der Nacht wenn Du einsam bist“

In dieser Strophe wandelt sich die Bedeutung  „Nacht“. Es repräsentiert nicht mehr ausschließlich diese „verzweifelte inneren Verdunklung“. Wann kannst du Licht am besten sehen? Genau in der Dunkelheit. Die Dunkelheit dieser Nacht ist nun willkommen, denn dadurch besteht jetzt die Möglichkeit der unterscheidungsfähigen Wahrnehmung. Eine notwendige Erkenntnis, da du diese Unterscheidungsfähigkeit für deine weitere Reise dringend benötigen wirst, doch das wirst du selber noch herausbekommen. Letztlich wirst du die Fähigkeit der unterscheidungsfähigen Wahrnehmung benötigen um feststellen zu können dass alles das was IST das Selbe ist. Wenn diese Aussage jetzt als Paradox aufgefasst wird ist das an diesem Punkt völlig in Ordnung.

„…wenn Du einsam bist“

Auch hier wandelt sich die Bedeutung. Nun bist du nicht mehr in dem …verwundetes Tier-Modus und suchst die Einsamkeit nicht mehr als Abwendung von dem was IST sondern du nutzt die seltenen Gelegenheiten des Alleinseins um über das was du über das Göttliche, Erhabene, dem Außergewöhnlichen sammeln konntest zu kontemplieren um rauszubekommen was du alles sein kannst.

Da du genug gelitten hast, so glaubst du, keimt die Hoffnung auf Erleuchtung als das ultimative Enden des Leidens auf. Bist du auf deinem jeweiligen spirituellen Pfad gut trainiert worden erfährst du dich als altruistisch und dehnst diese Hoffnung auf alle fühlenden Wesen aus. Das IST ist also scheinbar immer noch nicht ausreichend. So, so … das ist allerdings immer noch eine Bewegung des Egos, da die Aussicht auf Resultate, auf ein Ergebnis die treibende Motivation darstellt.

„Spüre was Du wirklich bist“

Die größte Geste, zu der das Ego fähig ist, ist zu Erlauben darüber nachzudenken dass das Ego selbst und seine Mechanismen des Greifens, Ablehnens und des Ignorierens das Hindernis zur angestrebten Erleuchtung sein könnten. Das Ego macht dann eine Bewegung des Hingebens seiner selbst. Möglicherweise wird das sogar ganz tief geglaubt und als wahrhaftig erfahren. Wenn diese Erfahrung auftaucht kommt langsam etwas in Bewegung. Natürlich wird sich das Ego nicht hingeben, es kann nicht, es ist eine Illusion, ein Mind-Fuck. Was nicht existiert kann sich nicht hingeben… und doch kann die Geste des Hingebens in die Erfahrung des Annehmens münden.

Es könnte hier noch mehr darüber berichtet werden aber für diejenigen wo diese Erfahrung des Annehmens nicht geschehen ist würden diese Beschreibungen wohl nur Fantastereien beschwören. Für diejenigen wo es geschehen zu sein scheint würde das nur kalter Kaffee sein. Letztlich passiert nicht mehr als das Du Dich als das erfährst was Du schon bist. Wenn du glaubst das war es dann, nun…. hier geht’s eigentlich erst richtig los.

„In der Nacht wenn Du einsam bist“

Die Bedeutung von „Nacht“ und „einsam“ in dieser Strophe haben von nun an eine völlig andere Bedeutung. Nacht ist nun vielleicht besser mit der Erfahrung von Lichtlosigkeit  oder jenseits des Lichtes zu beschreiben, wenn wir bei einem weltlichen Termini bleiben wollen. Es bedeutet dass die Basis Allens erfahrbar erscheint. Das ist hinter allen Möglichkeiten des Beschreibens. Denn das Wort „Leerheit“ wird nur zu schnell und gerne benutzt um etwas völlig unbeschreibliches Auszudrücken. Vielleicht tut es das Wort Lichtlosigkeit auch nicht besser, aber tatsächlich kann nun das ewig Unbewegte als Bewegung „gesehen“ werden.

„Einsam“ hat nun überhaupt nicht mehr die Bedeutung von Alleinsein oder Zurückgezogenheit. Im Gegenteil ..Vereint was nie getrennt… und da spielt es keine Rolle ob du dich in der Menge auf dem Marktplatz oder alleine auf der Wanderung durch die Berge befindest. Du bist Dies und siehst dass Du Dies bist, das ist unabweisbar. Doch gib acht, das ist auch nur eine Erfahrung.

„Siehst Du
kein Zweifel, Angst und Zorn
ist jemals dort gewesen“

Man könnte als Ergebnis dieses „Sehens“ ausdrücken dass die Erfahrung erscheint dass niemand da ist und niemals jemand da war. Wenn nie jemand war, wie könnten da die Emotionen die uns scheinbar so gebeutelt haben eine inhärente Wirklichkeit haben? Wie könnte also, wenn sie keine inhärente Wirklichkeit haben, die Realität, die wir doch als so faktisch erfahren haben, eine eigenständige Existenz besitzen? Hat sie nicht, doch sieh selbst.

„Siehst Du
In der Dunkelheit die leuchtenden Sterne
Und der Mondschein lächelt sein Licht in die endlose Tiefe“

Diese Strophe deutet auf eine Erfahrung hin die mehrere Ebenen der Erkenntnis beinhaltet. Dunkelheit steht hier tatsächlich für Leerheit, NICHTS, Darmakaya, Basis, Quelle. Es ist NICHTS das unkonditionierte  Potenzialität ALLES IST. „leuchtenden Sterne“ stehen für die manifestierte Potenzialität. ALLES und NICHTS sind nicht zwei Zustände. Es ist Nondual und zeitlos gleichzeitig. Da hier schon kläglich regelmäßig daran gescheitert wurde es zu beschreiben lassen wir das besser. Doch es kann als Erfahrung „gesehen“ werden und darauf weist die die Zeile „….. Und der Mondschein lächelt sein Licht in die endlose Tiefe“ hin. Zum Beispiel kann sich in einem Darkretreat diesbezüglich eine eindeutige Erfahrung manifestieren und einen Hinweis liefern was wir wirklich sind.

Ist jedoch das Nicht-Greifen (nach auftauchenden Erfahrungen) noch nicht stabil genug und muss nach dieser oder ähnlichen Erfahrungen gegriffen werden, so sind die Reflexe und Subroutinen unseres gewohnheitsmäßigen Menschseins noch aktiv. Dann ist es besser es zu unterlassen Methoden anzuwenden die diese oder ähnliche Erfahrungen erzeugen. Die laufenden Subroutinen bilden automatisiert Konzepte über die entsprechende Erfahrung und macht daraus etwas Erfahrenes. Das kann dann wie ein Filter wirken und letztlich kann es zu einem Hindernis werden, das jegliches „Sehen“ blockieren kann. Das bezieht sich nicht nur auf die Methoden der Dunkelheit sondern auch auf die Methoden des Lichts.

„Siehst Du was DU immer warst“

Das ist einerseits eine Vertiefung der vorherigen Strophe, geht allerdings auch darüber hinaus. Das „Sehen“ kann ungeahnte Tiefe annehmen. Es kann sich in jede Richtung ausdehnen. Was da wahrgenommen wird kann selten wirklich verständlich beschrieben werden. Oft stellt sich hier auch die Frage warum es beschrieben werden sollte, denn letztlich führt es zu Missverständnissen und zu Gesprächen wie diesen und diese Gespräche wiederum zu weiteren Missverständnissen.  Da jedes menschliche Wesen die Fähigkeit hat zu „sehen“ so sieh doch selbst!

Vielleicht noch mal zu dem was in der Wahrnehmung beim „Sehen“ auftaucht und unseren menschlichen Reflex der dazu erscheint. Es ist offensichtlich notwendig es so oft wie möglich zu wiederholen: Das was auftaucht ist eine Erfahrung z.B. von Leerheit, von der Natur des Geistes, von natürlich klarem Licht usw.

Der übliche Reflex ist bei solch einer Erfahrung davon zu sprechen „Das bist Du“.  Das ist nicht korrekt und fahrlässiger Weise viel zu „früh“. Da gibt es nämlich immer noch etwas was erfährt und etwas was erfahren wird. Das ist Dualität, wenn auch subtil.

Dann ist es hoffnungslos, fragst Du? Doch, das was erfährt und das was erfahren wird kann „verschmelzen“… tatsächlich allerdings verschwindet das was erfährt, da es nie bestanden hat…..vereint was nie getrennt… Wir sind jetzt hier weit über die Grenze des sinnvoll beschreibbaren gegangen und es ist genug gesagt dazu.

„Sitz nun still in Deinem Haus“

Mit „Sitz nun still…“ist keine Achtsamkeitsmeditation oder tatsächlich stillsitzen gemeint. Hier bezieht sich diese Aufforderung auf die gesamten Ebenen deiner menschlichen Existenz. Also auf die Erscheinung als Körper, Energie und Geist. „….Deinem Haus“ Haus bedeutet hier Dimension und weist auf die Erfahrung hin dass sich deine Erscheinung (Existenz) als „Ausdehnung“ oder „so sein“ oder „ursachlos aus sich heraus erscheinend“ erfahren hat und diese Erfahrung vollständig in die Wahrnehmung integriert ist. Wie sprachen schon über diesen Punkt… das was wahrnimmt und das wahrgenommene „verschmilzt“ da es nie getrennt war…

„In dieser Stille lös Dich auf“

Das ist keine Aufforderung aktiv etwas zu unternehmen oder eine Methode anzuwenden. Stille löst sich in Stille. Gibt es hier noch ansatzweise einen Impuls etwas anzuwenden ist dein Weg bis hier hin reine Fantasterei gewesen.

„Kannst Du endlich gehen und niemand kommt zurück“

Die tiefsitzenden menschlichen Konditionierungen und verdeckt operierenden Subroutinen der menschlichen Erscheinung hören erst an diesem Punkt auf zu funktionieren. „…niemand…“referiert von nun an nicht mehr auf einen (scheinbar ehemals) vorhandenen jemand.

Das könnte man als den endgültigen Übergang von Befreiung zur Freiheit bezeichnen.

Freiheit hat überhaupt nichts damit zu tun was wir uns vorstellen können.

Wenn du die Chance findest zu wählen, überleg dir genau ob du Freiheit sein möchtest.

Ich necke dich nur ein bisschen… du hattest nie eine Chance irgendwas zu wählen.

Advertisements