Wie kann es sein, dass bestimme Verstrickungen überhaupt zustande kommen?

Fragen eines Freundes

31.01.2012

Wie kann es sein, dass bestimme Verstrickungen überhaupt zustande kommen?
Warum verschwinden sie scheinbar und kommen dann doch wieder ans Licht, um erkannt und gelöst zu werden?

Wenn wir von Verstrickungen in unserem Leben sprechen, haben wir oft die Angelegenheiten und Abläufe unseres Lebens vor den Augen, die unserer Meinung nach nicht funktionieren, nicht gerecht oder irgendwie nicht richtig zu sein scheinen. Diese Ereignisse sind unerwünscht, werden abgelehnt, bereut und bekämpft. Das ist ein so automatisierter Ablauf des Kämpfens mit der aktuellen Situation, dass es die allermeisten Menschen nicht einmal bemerken. Ein Reflex der Ablehnung gegen den Ausdruck des Lebendigen, wie es sich gerade als dieser Moment manifestiert. Ein Reflex des Nicht-Erkennens der Wahrheit, ein Reflex der Ignoranz, der natürlich auch sehr subtil sein kann.

Da diese Frage gestellt wurde, bedeutet es, dass etwas zutiefst Intelligentes aufgewacht ist, sich die Dimension des Erkennens aufgetan hat. In dieser Dimension kann zwischen Menschen ein wahrhaftiges Begegnen stattfinden, zum Beispiel dieses Gespräch.

Das Öffnen dieser Dimension des Erkennens bedeutet nicht, dass dort jemand getroffen werden kann der auf alle Fragen eine Antwort hat oder eine übermenschliche Fähigkeit errungen hätte, nein überhaupt nicht. Es bedeutet eher das Gegenteil davon. Es ist gewissermaßen gewöhnlich und unspektakulär.

Die Dimension der Ignoranz jedoch ist das außerordentlich Besondere und es bedarf eine bedeutende Anstrengung in diesem Zustand zu verharren. Es scheint als ob wir Menschen unser Leben so lange mühselig auf Zehenspitzen tippelnd umherirrend verbringen, bis uns vielleicht mal auffällt, dass man auch einfach gehen kann. Entspannt. Entkontrahiert.

Die Dimension des Erkennens ist Ausdruck des Lebens in menschlicher Form, gekennzeichnet durch Hingabe, Harmonie und natürlicher Intelligenz. Sie ist ein Einfließen in Ausdrucksform der vibrierenden Lebendigkeit jenseits von Bedingtheit. Sie ist die formgewebte unpersönliche Lichtgestalt der einen anfangslosen ungeschaffenen Liebe.

Ein Zusammentreffen hier bedeutet also, dass sich einfach die gewöhnlichsten Menschen treffen. Frei von der Last jemand sein zu müssen, kann die schmale Brücke des bürdenlosen Lebens leichten Fußes überquert werden.

Nun da du hier bist, siehst du, dass deine Fragen nur Teil des Zehenspitzentanzes auf dem Parkett der Ignoranz gewesen sind. Ein Tanz der Formen, scheinbar fester Wesen, in der Aufführung eines Theaterstückes mit dem Titel:

„Ich, mein Leben und wie schwierig alles war, ist und sein wird.“

Leuchtende Potenzialität kann sich eben auch, im funkelnden Kleid der menschlichen Form, als Vergessen erheben.
Tanzend, klagend, fordernd und vergehend.

So kann vielleicht gesagt werden, dass Verstrickt-Sein an sich die Wahrnehmungsperspektive eines Tänzers ist, der vergessen hat, dass durch ihn nur eine Rolle gespielt wird, in einem Theaterstückes Namens Leben. Und so ist da immer die Sehnsucht nach dem ersten Preis, der Anerkennung, des Beifalls und die Kapelle des Begehrens spielt dazu die süße Melodie der Vergessenheit.

Sicher, es scheint so bedeutungsvoll die Herausforderungen dieser Welt zu bezwingen. Doch wenn die Zeit gekommen ist, wird selbst die Asche des erfolgreichsten Bezwingers, mit dem Staub der anderen ehemals sich bedeutungsvoll fühlenden Menschen, einfach den Fluss hinunter in den Ozean der Wesenslosigkeit gespült werden und sich auflösend in den Tiefen der Unendlichkeit versinken.

Spurlos, vergessen, ewig ungekannt.
Zu spät.

Nun da du es selber siehst, kann erkannt werden, dass alle Verwicklungen, alles Ablehnen und Greifen, alle Hoffnungen und Wünsche, alle Ängste und Sehnsüchte nur der vibrierende Ausdruck der einen Lebendigkeit ist, die sich, durch diese Form die einen Namen bekommen hat, in die Welt ergießt.

Unablässig, leuchtend, betörend und in sich bedeutungslos.

Nun da du es selber siehst, kann erkannt werden was sich jenseits des Bekannten an Unbeschreiblichem manifestieren kann, wenn der Tänzer schon vor dem letzten Lied gehen kann.

Nun da du es selber siehst, erhebt sich jedoch die Frage, ob du von der Süße der Verstrickung lassen kannst.

Vielleicht ist das die einzige Frage, die in diesem scheinbaren Leben entscheidend ist.

Bedenke klug die Antwort.
Denn es kann tatsächlich geschehen, dass Verstrickungen nur noch als das erscheinen können, was sie schon immer sind, Ereignisse die einfach geschehen. Das Ende der Verstrickungen bedeutet dann also auch, dass der Verstricker hinein schmilzt in dieses ewig Unbekannte.

Bedenke klug!
Denn mein Freund, dann ist der Tanz von Bedeutung endgültig aus. Dann fallen alle Schleier der Hoffnung auf Etwas für immer und dann fällst auch du.

Deine Frage ist also die Frage nach
Freiheit vom Verstrickt-Sein-Müssen.

Tatsächlich ist es die Frage nach Freiheit vom Vergessen-Müssen.

Letztlich jedoch ist es die Frage nach
Freiheit vom Mensch-Sein-Müssen.

Wie also wird die Antwort sein?

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2 Antworten

  1. „Wie also wird die Antwort sein?“ – Zunächst einmal habe ich keine Ahnung.

    Verstrickungen sind negativ konnotiert, bedeuten aber auch Verbindungen zum Lebendigen, oder nicht? Wenn ich in diesem Sinne die Freiheit vom Verstrickt-Sein-Müssen anstreben würde, würde ich dann nicht die Freiheit von jeglicher Existenz anstreben? „…sich auflösend in den Tiefen der Unendlichkeit versinken“ ist die Wirklichkeit am Ende, vielleicht sich damit auch eine Sehnsucht ausdrücken. Eine Art Todessehnsucht?

    • Hi tome-ate,
      “Wie also wird die Antwort sein?” – Zunächst einmal habe ich keine Ahnung.

      Wir haben alle keine Ahnung, also ist das die bestmöglichste Antwort. Tatsächlich ist das Leben, wie es erscheint, die Antwort.

      Es ist genauso wie bei der Frage nach dem „Wer bin ich“ die du in deinem Blog so schön gestellt hast. Diese Frage ist ja in Wirklichkeit schon immer die Antwort, obwohl man sie auf unzählige Art und Weisen beantworten kann. Berührt man die Frage jedoch nicht, lässt man sie unbeantwortet im Raum schweben, so kann vielleicht alles an seinen Platz fallen und Wahrnehmung kann sich darüber hinaus richten, auf das in was diese Frage ewig auftaucht.

      Vielleicht noch kurz, wie diese Texte hier oft entstehen, denn es kann sich schnell ein Missverständnis bilden.

      Oft sind es Gespräche mit Freunden, die als Kontext grundsätzlich die Frage nach der Natur der Realität, der wahren Natur unseres Geistes (Mind) und die Frage nach einer alternativen Ausdrucksform des Menschenseins (im Sinne des Ausdruckes des Bewusstseins als menschliche Form) zugrunde liegt. In diesen Gesprächen kommt es manchmal zu Fragen und gelegentlich zu Antworten, diese werden bisweilen aufgeschrieben. Es ist klar, dass diese Antworten nicht die Antwort sein kann, dafür ist Sprache eben nicht geeignet. Allerdings weisen bestimmte Antworten manchmal in eine „richtige“ Richtung und bringen etwas in uns zum Schwingen. So eine unbestimmte Stimmung erscheint, aber doch etwas durchdringend Wahres und manchmal kann jenseits unserer Konditionierung etwas „gesehen“ werden. Ein Schimmer dieser Unbeschreibbarkeit bricht vielleicht durch und in dieser Stille kann für einen Moment gesehen werden „wer wir wirklich sind…“

      Die Antworten kommen dann immer in einem Stück, „in einem Rutsch“, sozusagen un-zusammengesetzt und wenn man sie so liest, haben sie vielleicht einen Wert im Sinn von „Wirkung“. Geht man in die Analyse der Texte, können sicher viele Widersprüche entdeckt werden. Aber es ist mehr wie bei Musik, entweder hörendes Empfinden oder analysierendes Zerlegen, beides zur selben Zeit geht eben nicht.

      Zu dem Text selber, ja Verstrickungen sind negativ konnotiert und ja sie erscheinen als die Verbindung zum Lebendigen. Die Frage die sich allerdings sofort erhebt ist doch, was ist das Lebendige an sich und kann Menschsein auch direkt Lebendig-Sein sein, ohne diese Verstrickungen, die uns ja scheinbar erst zum Menschen zu machen scheint. Das ist eine wesentliche Frage nach Freiheit und ob wir als Menschheit so existieren müssen wie es sich derzeit auf dem Planeten abspielt. Hier ist die Antwort nein, das ist nicht nötig. Aber Erstens, ist das tatsächlich Wahrheit? Und Zweitens, wenn ja, kann das über das individuelle Erleben dessen „nicht-nötig“ hinaus, auch Erfahren werden von „der Menschheit“ als kollektive Erscheinung und sollte das überhaupt so sein. Keine Ahnung!

      Wenn wir die Freiheit von Verstrickt-Sein-Müssen anstreben (wir lassen mal die Diskussion ob wir das wirklich tun können, oder ob es einfach geschieht, einfach draußen vor) scheint es erst einmal tatsächlich so als ob die Freiheit von jeglicher Existenz angestrebt wird. Das ist tatsächlich die Angst der Person, dass die Existenz beim Finden dann beendet ist. Wirklich wird allerdings nach Freiheit von der uns durch Erziehung, Konditionierung und genetischen Fakten auferlegte Existenzform – so wie wir derzeit Erscheinen-Müssen- gefragt. Da ist also wieder die Frage nach der Alternative.

      “…sich auflösend in den Tiefen der Unendlichkeit versinken” ist die Wirklichkeit am Ende, vielleicht sich damit auch eine Sehnsucht ausdrücken. Eine Art Todessehnsucht?
      Da ist tatsächlich der Hinweis auf das Ende der Wirklichkeit, so wie sie durch das jeweilige Individuum gelebt wird. Und es ist ein Hinweis auf die Endlichkeit dieses Individuums als erscheinendes Objekt und auf das Paradox, obwohl es ein Ausdruck des Zeitlosen ist, in Raum und Zeit keine Zeit zu verschwenden hat.

      Da ich den Menschen, der die Frage gestellt hat, kenne, kann die Sehnsucht als Todessehnsucht verneint werden. Hier ist es eher so, dass das sich bietende Leben wie ein süßer saftiger Apfel wahrgenommen wird, von dem einem selbstverständlich nur das beste Stück zusteht. Hier ist dann oft eher die Frage warum sich diese Selbstverständlichkeit nicht auch selbstverständlich manifestiert. Aber das ist ein anderes Thema.

      Tatsächlich aber kann sich beim „sehen“ schnell eine Müdigkeit einstellen, eine Formenmüdigkeit über die Formen dieser Erscheinungswelt. Doch Welten der Formlosigkeit ist keine Alternative, dort ist das Wirkprinzip von Wirkung und Ursache genau so relevant. Um was es hier geht ist den Blick auf jenseits von Ursache und Wirkung zu richten und die Wahrnehmung nicht zusammen brechen zu lassen. Lieber tom-ate, du hast gefragt und oft ist es so, dass die Antwort noch mehr Fragen aufwirft. Vielleicht ist das jetzt auch so. Der Vorschlag ist, dass du sie nicht versuchst zu beantworten.

      Herzlichst
      ruwenda

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