Unbewegte Stille

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Unbewegte Stille

25.6.2011

Es ist die wie ein Druck im Kopf, der irgendwie nach innen in Tiefe implodiert. Durch Schreiben wird der Druck erträglicher. Er scheint sich eine Zeitlang abzubauen, wobei die Tiefe bleibt. Die Sätze formulieren sich wie von selbst in der Hand und der Stift schreibt, doch da ist keine Stimme, die ein Diktat aufgibt. Einfach Stille formt sich in Worte auf das Papier. Das Thema enthüllt sich nach und nach. Da ist nur Aufmerksamkeit, und falls da Gedanken sind, gehen sie nicht über den gewohnten Weg – über den Kopf, sondern direkt von nichts zu nirgendwo.
Das Umschreiben vom Papier in den Computer erfolgt unmittelbar und ist wie eine Prüfung über das Geschriebene. Keine Wertung oder Abwägung, wie man vermuten könnte, einfach nur stille Achtsamkeit und ein Eingriff in die Worte, falls etwas nicht an seiner Stelle ist.
Das ist schon alles.
Gestern Abend beim Spaziergang wurde über die Stadt geschaut. Die untergehende Sonne streifte die Häuser hinter dem Fluss und tauchte sie in ein sattes goldenes Gelb. Die Spitzen der Kirchtürme blitzten mit ihren vergoldeten Kugeln und Kreuzen. Die Ruhe des angebrochenen Wochenendes breitete sich über das Wasser des Flusses aus. Die Wolken am Himmel zogen von einem Höhenwind angetrieben über die Stadt in Richtung Süden und die Schwalben badeten in der Luft mit tollkühnen Flugmanövern.
Rote Beeren blitzten an den Sträuchern auf grünen glänzenden Blättern.
Die Stille, in der Dies alles erscheint, ist satt und ruhig.
Unbewegt erscheint in ihr alles in Bewegung.
Man wartet, dass sie vergeht, doch sie bleibt und das Bewegte vergeht.
In der Schau ist der Himmel übersät mit kleinen runden Sphären, ungetrübt und transparent.
Ganz in der Nähe wird ein Film gedreht. Die Kamera gleitet auf Schienen und nimmt vor den Kulissen der Stadt einen Mann dabei auf, wie er mit der Hand darauf weisend etwas in das Mikrofon, das über seinem Kopf schwebt, erklärt.
Die Menschen lachen und haben glückliche Gesichter.
Schön sind sie, wenn sie so fröhlich sind.

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