Nicht-Sein

Kuss der Stille/Tagebuchnotizen 2011

Nicht-Sein

26.6.2011

Sofort morgens nach dem Aufwachen, wenn alles zum Leben erwacht und noch bevor die Welt auftaucht, ist er wieder da, der Druck im Kopf.
Die Stille ist davon nicht berührt.
Zu sagen, dass das alles in Stille stattfindet, kommt dem zwar am nächsten, doch es beschreibt es nur, ohne es wirklich zu erfassen.
Komplette Sätze formen sich im Kopf und drängen nach außen.
Allerdings ist es schwer außen und innen zu unterscheiden. Schreiben mindert den Druck und etwas Ruhe kehrt ein.
Der Himmel über der Stadt ist bedeckt und im Grau der Wolken sind feine Nuancen zu erkennen.
Schmale dünne Regenstreifen huschen durch das Bild, das der Rahmen des Fensters bildet, und die schöne alte Kirche bewirkt eine würdige Kulisse.
Stolz und gleichzeitig bescheiden steht sie da, als ob die Jahrhunderte ihr Gemäuer weise gemacht haben. Vielleicht weiser als die Menschen und die Priester, die kamen und gingen.
Der leichte Sommerregen wäscht die Kopfsteinstraßen sauber und übergibt sie gereinigt den Menschen, die heute Abend von ihren Wochenendhäusern zurückkehren, für eine neue Arbeitswoche.
Das Grün des Daches, das den Wachturm mit der großen Uhr schmückt, ist streifig und fleckig. Tauben fliegen in kleinen Formationen und die goldenen Zeiger der Turmuhr rücken etwas weiter.
Der Wind hat das Grau der Wolken ein wenig aufgerissen und küsst die flatternde Landesflagge, die gegenüber am Eingang des Hotels aufgezogen wurde.
Ohne diese Flagge könnte diese Stadt überall stehen, so scheint es. Es gäbe keine Zuordnung oder benennbare Identität. Es wäre nur eine Stadt, irgendwo.
Die Farben der Flagge verleihen den Menschen eines Landes die Sicherheit, jemand zu sein, hierher zu gehören, eine Identität zu besitzen und Rechte zu haben. Ohne die Farben der Flagge scheint es nicht mehr so klar und etwas müsste an ihre Stelle treten, um die Ungewissheit des Nichtseins, der Nichtidentität aufzufangen.
Was würde passieren, wenn von den allen Menschen gesehen werden würde, dass Nicht-Sein ihre Natur ist?
Die Natur der Ist-heit, dies So-Sein, so wie sie erscheint und vergeht seit Ewigkeit, ist sie so beängstigend?
Es gibt keine Erinnerung daran. Es gibt keine Angst und in dem leuchtenden Zentrum ist nur Schweigen.
Die Zeiger der Turmuhr rücken voran und zeigen, dass es Zeit ist aufzubrechen.
Ein Friedhof soll besucht werden, der am Rande der Stadt wartet.

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